Die N-11-Länder

Die Bezeichnung "N-11-Länder" wurde für eine Gruppe von elf Ländern gewählt, die aufgrund ihrer Bevölkerungsgrösse und der seit Jahren gezeigten Wachstumsraten das Potenzial haben könnten, in einigen Jahrzehnten zu den zwanzig weltweit grössten Volkswirtschaften zu gehören. Es handelt sich dabei um die Länder Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Korea, Mexiko, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, die Türkei und Vietnam, um Länder also, die ansonsten sowohl in kultureller als auch in politischer Hinsicht grosse Unterschiede aufweisen. Während zahlreiche Anleger in Schwellenländer wie Südkorea oder Mexiko bereits investiert haben, dürften Länder wie Vietnam, die Philippinen oder Indonesien vermutlich Neuland für die meisten Privatinvestoren sein.
Es stellt sich die Frage, ob neben dem „Traum von den BRICs“ auch ein „N-11-Traum“ wahr werden kann? Welche Aussichten haben diese elf Staaten? Und welche Hindernisse müssen die „N-11“ überwinden, um ihre Wachstumskräfte zur Entfaltung zu bringen? Die Vielfältigkeit der N-11 macht eine generelle Antwort schwierig. Aber viele der Berechnungen zeigen, dass die N-11 das Potenzial haben könnten, interessante Wachstumsgeschichten zu schreiben, obwohl manche der N-11-Länder grösseren Herausforderungen gegenüberstehen als andere.
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► Das Potenzial der N-11-Schwellenländer
Gut fünf Jahre nach der ersten BRICs-Studie des Jahres 2001 zeigt sich, dass alle BRIC-Staaten über den prognostizierten Wachstumsraten liegen. Indien und China sind sogar deutlicher als vorhergesagt gewachsen. Es steht ausser Frage, dass die BRICs die grössere globale Investmentstory als die N-11 sind. Nur Mexiko und Korea und zu einem geringeren Grad Vietnam und die Türkei haben sowohl das Potenzial als auch die Voraussetzungen, mit den grossen Volkswirtschaften der Welt oder den BRICs zu konkurrieren. Der Rest der N-11-Staaten wird wahrscheinlich nicht die Kapazität haben, zu Rivalen der G7 aufzusteigen. Ähnlich wie bei den BRICs-Projektionen benötigt man auch bei den N-11 ein wenig Mut, um an die Realisierung des „N-11-Traumes“ zu glauben. Aber genau diese Ungewissheit und die Tatsache, dass einige dieser Länder bisher ausserhalb der bisherigen Investmentmöglichkeiten lagen, machen die N-11 so interessant.
Der N-11-Traum entstand in einer Zeit, in der hohe Rohstoffpreise, niedrige Zinsen und solides Wirtschaftswachstum für Emerging Markets günstige Bedingungen geschaffen haben. Erst wenn diese Bedingungen sich ändern und getestet werden, wird sich herausstellen, ob der Aufbruch der N-11 eine fundamentale Änderung in der Struktur der Weltwirtschaft darstellt oder nur das zeitweilige Resultat einer zyklischen Entwicklung ist.
► Wachstumsperspektiven der N-11
Alle N-11-Staaten haben das Potenzial, in den nächsten Dekaden mit 4% oder mehr pro Jahr zu wachsen. Aber auch bei stabilem Wachstum werden wahrscheinlich nur Korea und Mexiko (und vielleicht die Türkei) eine Chance haben, in den nächsten Jahrzehnten zu den Einkommenslevels der entwickelten Ländern aufzuschliessen. Die anderen N-11-Länder könnten trotzdem einen hohen Anstieg der Einkommen erleben. Vietnam wird wahrscheinlich den grössten Sprung nach vorne machen, was die Einkommenssteigerung angeht: Ausgehend vom heutigen niedrigen Niveau könnten sich die Einkommen in den nächsten Jahren vervielfachen.
Die N-11 wurden – ähnlich wie die BRICs – nach ihrem potenziellen Einfluss auf die Weltwirtschaft ausgesucht. Folglich waren die meisten Kriterien demographischer Natur. Denn ohne eine grosse Bevölkerung haben selbst die schönsten Wachstumsgeschichten nur einen geringen regionalen oder globalen Einfluss. Daraus folgt, dass die N-11 zunächst eine Gruppe von Schwellenländern mit einer grossen Bevölkerung ausserhalb der BRICs-Staaten sind. Diese Gruppe ist hinsichtlich ihrer geographischen Dimensionen, ihrer Bevölkerungsgrösse, ihrer ökonomischen Entwicklung und ihrer Integration in den Welthandel sehr heterogen. Auch hinsichtlich der politischen und kulturellen Rahmenbedingungen weisen die N-11 erhebliche Unterschiede auf.
Einige dieser Länder profitieren in neuerer Zeit vom Interesse einer wachsenden Zahl von Investoren. Dieses zunehmende Interesse reflektiert einerseits die verbesserte wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder. Das BIP-Wachstum der N-11-Länder betrug in den letzten drei Jahren durchschnittlich 5.9%. Im Vergleich der letzten fünf Jahre mit dem Jahrzehnt davor konnten acht der 11 Länder in den letzten fünf Jahren höheres Wachstum erzielen. Die verbesserte Performance betrifft nicht nur das Wirtschaftswachstum. Die Inflationsrate ist gefallen, und die Integration in die Weltwirtschaft, gemessen beispielsweise an der Offenheit des Handels, ist gestiegen. Das Gewicht der N-11 in der Weltwirtschaft hat sich dadurch auf 7% erhöht. Dies entspricht einem Anstieg von ungefähr 1% seit Beginn dieses Jahrzehnts.
Die Aktienmärkte der N-11 reflektieren diese positive wirtschaftliche Entwicklung. Obwohl untereinander sehr verschieden, haben acht der elf Länder funktionierende Aktienmärkte, die ein hohes Wachstum gesehen haben. Hinsichtlich künftiger Erwartungen bleibt allerdings zu beachten, dass die verbesserte wirtschaftliche Entwicklung mit positiven Wachstumsraten, fallender Inflation, geringer Volatilität und starken Aktienmärkten Teil des derzeit generell positiven wirtschaftlichen Klimas ist.
► N-11-Prognosen: Nachhaltiges Wachstum
Die N-11-Prognosen zeigen auf, was in einigen Jahrzehnten möglich wäre, wenn diese Volkswirtschaften auf ihrem derzeitigen ökonomischen Weg bleiben. Wie schon bei den BRICs prognostiziert, bleibt China die grösste Volkswirtschaft im Jahr 2050, gefolgt von den USA und Indien. Die nächsten Jahre könnten aber ein weiteres Wachstum der N-11 zeigen. So könnte das gesamte BIP der N-11 von derzeit knapp einem Zehntel in den nächsten Jahrzehnten auf ungefähr zwei Drittel des gesamten BIP der G7-Staaten ansteigen. Während die BRICs weiterhin dominieren könnten, könnten einige der N-11 näher an die Spitzengruppe heranrücken. Mit Blick auf das Jahr 2050 könnten die N-11-Länder daher in die folgenden drei Gruppen unterteilt werden:
■ Länder, die das Potenzial haben könnten, die meisten der G7 einzuholen oder zu überholen. Zu dieser Gruppe gehören Mexiko und Indonesien, die die Kapazität haben, eine ähnliche Grösse wie Russland und Brasilien zu erreichen. Aus den heutigen G7-Ländern wären nur die USA noch immer deutlich grösser als diese N-11-Länder.
■ Länder, die einige der heutigen G7-Länder überholen können: Korea, die Türkei und Vietnam haben das Potenzial, einige der derzeitigen G7-Mitglieder einzuholen.
■ Die restlichen Länder, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie stark genug wachsen werden, um die entwickelte Welt einzuholen: Diese Gruppe enthält alle N-11-Länder, die nicht gross genug sind oder nicht die Ausgangsbedingungen besitzen, um die kleinsten der G7-Länder herauszufordern. Zu dieser Gruppe gehören die Philippinen und Ägypten.
Wenn günstige Bedingungen gegeben sind, haben die N-11 das Potenzial, in den nächsten 20 Jahren ein durchschnittliches Wachstum von ungefähr 4% zu erzielen. Wenn sich das Wachstum der entwickelten Länder verlangsamen sollte, könnten sich die N-11 als eine wichtige Wachstumsquelle erweisen.
► N-11-Prognosen: Steigende Einkommen
Hinsichtlich der Einkommensentwicklung zeigen die Prognosen ein etwas anderes Bild. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen werden die USA im Jahr 2050 wohl noch immer die reichste Nation sein. Auch alle G7-Staaten werden wahrscheinlich noch unter den Top-10-Ländern zu finden sein.
Aber auch die N-11 könnten einen substanziellen Anstieg ihrer Einkommen verzeichnen. Ihre Einkommen könnten sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Besonders spektakulär könnte dabei die Entwicklung der Einkommen in Vietnam sein, die sich möglicherweise versechsfachen könnten. Unter den N-11-Ländern hat nur Korea die Kapazität, zu den G7- Einkommen aufzuschliessen.Daraus ergeben sich für das Jahr 2050 in etwa die folgenden Prognosen:
■ Die Reichen: Diese Gruppe, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 65'000 US-Dollar oder mehr, besteht aus sechs der G7 (ohne Italien), Russland aus den BRICs und Korea aus den N-11.
■ Länder mit oberem mittlerem Einkommen: Dazu gehören diejenigen Länder, deren Einkommen wohl das derzeitige Niveau der USA übersteigen werden, die aber nicht das Einkommensniveau der reichsten Nationen erreichen werden. Zu diesen Ländern gehören Italien, Mexiko, China, Brasilien und die Türkei.
■ Länder mit niedrigeren mittleren Einkommen: Diese Gruppe, die Einkommen zwischen 20'000 und 40'000 US-Dollar haben werden, enthält viele der N-11. Vietnam hat das Potenzial, im Jahr 2050 so reich wie das heutige Deutschland zu sein. Indonesien, Ägypten, die Philippinen und Indien könnten Einkommen verzeichnen, die denen des heutigen Koreas entsprechen.
■ Länder mit niedrigem Einkommen: Zu dieser Gruppe, deren Pro-Kopf-Einkommen unterhalb von 20'000 US-Dollar liegen dürften, würden Pakistan und Bangladesch gehören.

Im Jahr 2050 wird die Welt anders aussehen als heute. Unter den grössten fünf Volkswirtschaften könnte sich mit den USA nur noch eines der heutigen G7-Länder befinden. Die BRICs und die N-11-Staaten könnten aufgrund ihres hohen Wachstums einen grossen Sprung nach vorn machen.
► Höheres Wachstum, falls sich die Bedingungen bessernWenn sie ihre Wachstumschancen realisieren wollen, sehen sich die N-11-Länder mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. In etlichen dieser Länder sind Bestrebungen erkennbar, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Die Türkei bemüht sich um Integration in die Europäische Union, Vietnam ist Anfang 2007 der WTO beigetreten, und die Regierung von Pakistan hat ein Privatisierungsprogramm sowie Reformen im Banken- und Steuersektor unternommen. Der aus diesen sich verbessernden Bedingungen resultierende Erfolg könnte in vielen dieser Länder sehr hoch sein. Dass es Risiken gibt, die den Erfolg der N-11-Länder beeinträchtigen können, ist leicht zu erkennen. Es ist aber auch möglich, dass die hier vorgestellten Wachstumsprognosen übertroffen werden könnten und somit der Einfluss der N-11 sogar noch grösser sein könnte als hier skizziert.
► N-11-Länder: Ausgangsbedingungen und Chancen
Trotz ihrer Vielfalt können die N-11-Länder anhand ihrer Wachstumschancen in drei Gruppen unterteilt werden:
■ In Korea, sowie zum Teil in Mexiko und der Türkei, sind die Einkommen schon hoch und die wirtschaftliche Entwicklung ist fortgeschritten. Falls die Bedingungen für diese Staaten weiterhin positiv sind, können diese Staaten zu den G7 aufschliessen.
■ Die zweite Gruppe besteht aus Indonesien und den Philippinen. Diese traditionellen Schwellenländer sehen sich vor der Herausforderung, wieder an die hohen Wachstumsraten der Vergangenheit anzuschliessen.
■ Zu einer dritten Gruppe der N-11 gehören Volkswirtschaften, die traditionell nicht im Fokus der Investoren lagen. Dazu gehören Ägypten und Vietnam, die erst jetzt als Länder mit guten Perspektiven ins Rampenlicht gerückt sind. Diese Einteilung zeigt erneut, dass es sich um eine sehr heterogene Ländergruppe handelt. Aber genau diese Vielfalt könnte sie auch aus einer Anlegerperspektive interessant machen. Sogar im Vergleich mit den BRICs bleibt das Ausmass der Herausforderung für die N-11-Länder enorm. Aber in den Ländern, in denen günstigere Rahmendingungen geschaffen werden können, könnten die derzeitigen Prognosen sogar übertroffen werden.