Brasilien

Als grösstes Land Südamerikas mit rund 8.5 Millionen Quadratkilometern (zum Vergleich: Deutschland 357'021 Quadratkilometer) und mit einer Einwohnerzahl von 186 Millionen ist Brasilien hinsichtlich des Verhältnisses von Fläche und Bevölkerung keineswegs überbevölkert: Auf einen Quadratkilometer kommen jeweils 21.9 Einwohner (Deutschland: 285). Aufgrund der reichen Ressourcen, wie Bodenschätze und Wasserkraft, und aufgrund der guten Bedingungen für die Landwirtschaft sowie eines grossen Reservoirs an Arbeitskräften konnte über Jahrzehnte hinweg in einigen Bereichen eine moderne und dynamische Industrie aufgebaut werden. Rund 20% der Brasilianer leben aber nach wie vor unterhalb der Armutsgrenze. Insofern weist das Schwellenland Brasilien noch viele Merkmale auf, wie sie für unterentwickelte Länder typisch sind. Erfahren Sie mehr über das Land Brasilien:
| ► Im Amt bestätigt: Präsident Lula da Silva |
| ► Rückblick: Stationen auf dem Weg zur Demokratie |
| ► Brasilia: Aufbruch und Rückschlag |
| ► Neue Verfassung |
| ► Wirtschaft und Handelspartner |
| ► Factsheet |
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► Im Amt bestätigt: Präsident Lula da Silva
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores), der im Herbst 2002 mit über 61% der Stimmen zum Staatsoberhaupt gewählt worden war, wurde im Oktober 2006 für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Nachdem er im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit nicht erreicht hatte, erhielt er in der Stichwahl erneut mehr als 60% der abgegebenen Stimmen. Ein „Spagat zwischen Arm und Reich“ sei ihm in seiner ersten Amtszeit gelungen, hiess es in den Zeitungen. Auf wirtschaftspolitischem Gebiet kann Brasilien seit einigen Jahren eine ansehnliche Bilanz aufweisen. Seine Popularität verdankt Lula da Silva aber vor allem den Armen, die in Brasilien noch immer auf gut 22% der Bevölkerung geschätzt werden: Auch ihre Einkommen sind in den letzten Jahren gestiegen, was unter anderem auf das „Bolsa Familia“ genannte Hilfsprogramm der Regierung zurückgeführt wird. Zwar brachte während der ersten Amtszeit Lula da Silvas ein Korruptionsskandal die aus mehreren Parteien bestehende Regierungskoalition zeitweilig an den Rand der Handlungsunfähigkeit. Dennoch berichten Kenner des Landes, dass sich in der Krise die Demokratie in Brasilien als stabil erwiesen hat. „Niemand malte einen Militärputsch oder andere undemokratische Lösungen an die Wand“, resümierte der ehemalige deutsche Botschafter Dr. Uwe Kaestner, „die Selbstreinigungskräfte haben insgesamt funktioniert: Untersuchungsausschüsse, Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte. Amt und Geld schützten nicht vor Strafe. Selbst hohe Amtsträger mussten abtreten.“ Die Ergebnisse der Parlamentswahlen, die ebenfalls im Oktober 2006 stattfanden, sprechen dafür, dass sich Lula da Silva in seiner zweiten Amtszeit auf eine deutliche Mehrheit im Parlament stützen kann, wenn er die breite Koalition aus mehreren Parteien fortsetzt.
► Rückblick: Stationen auf dem Weg zur Demokratie
Die Geschichte der brasilianischen Demokratie reicht zwar bis ins 19. Jahrhundert zurück. Der Weg zu einer demokratisch verfassten Gesellschaft wurde aber immer wieder von schweren Rückschlägen unterbrochen und hat sich erst seit der Verabschiedung der neuen Verfassung im Jahr 1988 stabilisiert. Gut drei Jahrhunderte lang – von der Landnahme durch den Portugiesen Pedro Alvares Cabral, der im Jahr 1500 bei Porto Seguro im Süden des heutigen brasilianischen Bundesstaates Bahia an der südamerikanischen Küste landete, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts – war Brasilien ein von Portugal abhängiges Vizekönigreich. Als im Jahr 1807 die französischen Truppen unter Napoleon Bonaparte in Portugal einfielen, floh der portugiesische König João VI. mit Hilfe der Briten nach Brasilien. Auf dem Wiener Kongress wurde Brasilien im Jahr 1815 ein mit Portugal gleichberechtigter Status zugesprochen. Als João VI. 1821 nach Portugal zurückkehrte, überliess er seinem Sohn Pedro die Regentschaft in Brasilien. Nur ein Jahr später, am 7. September 1822, erklärte Pedro I. die Unabhängigkeit Brasiliens und krönte sich am 22. September selbst zum ersten brasilianischen Kaiser.
Unter der Herrschaft seines Sohnes Pedro II. verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt vom Zuckerrohr- und Tabakanbau im Norden zum Kaffeeanbau im Süden. Die entschädigungslose Aufhebung der Sklaverei im Jahr 1888 führte ein Jahr später zum Sturz des Kaisertums. Zwei Jahre später wurde die República dos Estados Unidos do Brasil ausgerufen und eine neue Verfassung aufgesetzt, die sich stark an das föderale Vorbild der USA anlehnte. Der Kaiser floh ins Exil nach Paris.
Der Wohlstand Brasiliens beruhte zunächst auf der grossen Kaffeenachfrage: Der Export von Kaffee wurde zum beherrschenden Wirtschaftszweig. Infolge des Ersten Weltkriegs sank jedoch die Kaffeenachfrage rapide. Überproduktion und ein weiterer Preissturz von Kaffee in der Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929/30 führten endgültig zum wirtschaftlichen Zusammenbruch, es kam zu politischen Spannungen, die politischen Lager radikalisierten sich.
Als Anführer einer Aufstandsbewegung gelangte 1930 Getúlio Vargas als neuer Präsident Brasiliens an die Macht. In den ersten Monaten seiner Regierungszeit wuchs die Wirtschaft Brasiliens spürbar. Mit Hilfe der Verfassung von 1934 und 1937 verbot Vargas die Parteien und etablierte eine persönliche Diktatur. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erzwang die Armee seinen Rücktritt. Sein Nachfolger General Eurico Gaspar Dutra machte Brasilien mit der Verfassung von 1946 erneut zur demokratischen Republik. Fünf Jahre später wurde sein autokratischer Vorgänger Vargas in den Präsidentenstuhl gewählt, aber bereits im Jahr 1954 erneut zum Rücktritt gezwungen. Vargas beging daraufhin Selbstmord.
► Brasilia: Aufbruch und Rückschlag
In den Regierungsjahren seines Nachfolgers Juscelino Kubitschek de Oliveira flossen wieder ausländische Investitionen ins Land, die den inneren Aufbau und die Industrialisierung voranbrachten. Das Wahrzeichen dieses Aufbruchs Brasiliens war in den späten Fünfzigerjahren der Bau der neuen Landeshauptstadt Brasilia. Nach dem Sturz des sozialreformerisch eingestellten Präsidenten Goulart, der versucht hatte, eine Landreform und die Verstaatlichung der Erdölraffinierien durchzusetzen, übernahm im Jahr 1964 das Militär die Staatsgewalt.
Eine 21-jährige Militärherrschaft begann, die bis 1985 dauerte. Die Armee stellte die Präsidenten, die mit Dekreten regierten. Die wichtigsten Verfassungsgarantien wurden ausser Kraft gesetzt, die Menschenrechte verletzt, Wirtschaft und Finanzen erlebten einen Niedergang, an dessen Ende eine Auslandsverschuldung von rund 100 Milliarden US-Dollar und etwa 50 Milliarden US-Dollar Staatsschulden standen. Die Inflation erreichte Spitzenwerte von 230% pro Jahr. Zwar schaffte es die Regierung, die Entwicklung der Infrastruktur, wie z.B. des Verkehrs- und Nachrichtenwesens, und – mit gewaltigen Energieprojekten – die Industrialisierung voranzutreiben. Die tiefgreifenden sozialen Probleme jedoch wurden komplett vernachlässigt.
1979 mussten die Ausnahmegesetze aufgehoben werden. Unter der Präsidentschaft von J.B. de Oliviera Figueiredo begann ein Demokratisierungsprozess, der am 15. März 1985 zur Wiederherstellung der Demokratie führte. Unter der Präsidentschaft von José Sarney wurde die demokratische Verfassung erarbeitet und verabschiedet, die die Grundlage für die Stabilisierung der Demokratie legte und sich in den 18 seither vergangenen Jahren bewährt hat.
Aufgrund der Erfahrungen unter der zwei Jahrzehnte dauernden Militärdiktatur herrscht heute in Bevölkerung und Politik eine gewisse Vorsicht gegenüber dem Militär. Die Truppenstärke wird daher im Verhältnis zu Einwohnerzahl und zur Grösse Brasiliens sehr gering gehalten. Durch die Einführung des Real als neue Währung wurde 1994 auch die Inflation unter Kontrolle gebracht.
► Wirtschaft und Handelspartner
Für seine zweite Amtszeit hat Präsident Luiz Inácio Lula da Silva angekündigt, sich noch mehr um die „bedürftigsten Menschen“ kümmern zu wollen. Gleichzeitig kündigte er ein Sparprogramm an: „Man kann nicht mehr ausgeben, als man verdient“, sagte der brasilianische Präsident in seiner ersten Ansprache nach der Wahl. Freie Wechselkurse und die Verminderung der Inflation sollen verhindern, dass sich Dollarkursschwankungen auf die Konjunktur auswirken. Aufgrund der gut entwickelten Bergbau-, Landwirtschafts-, Dienstleistungs- und Produktionssektoren auf der einen und einem grossen Reservoir an Arbeitskräften auf der anderen Seite ist die brasilianische Wirtschaft eine der kräftigsten in Südamerika und gewinnt auf dem Weltmarkt immer mehr an Bedeutung.
Die wichtigsten Exportprodukte sind Kakao, Kaffee, tropische Früchte, Eisenerz und Sojabohnen. Aber auch Textilien, Schuhe, Chemikalien, Zement, Bauholz, Zinn, Stahl, Motoren und andere Maschinenteile gehören zu den brasilianischen Exportartikeln. Rund 40% der brasilianischen Agrarausfuhr gehen in die Europäische Union, knapp 17% in die USA.
Die Schweizer Importe aus Brasilien haben sich seit 1990 verdreifacht. Wurden im Jahr 1990 Güter im Wert von 323 Mio. CHF aus Brasilien importiert, so lagen die Importe im Jahr 2007 bei 995.1 Mio. CHF. Noch deutlicher ist in diesem Zeitraum der Zuwachs der Exporte aus der Schweiz nach Brasilien gewesen. Sie sind von 524 Mio. CHF 1990 auf 1‘865.7 Mio. CHF im Jahr 2007, also auf bald 2 Milliarden CHF, angewachsen. In der Rangfolge der Schweizer Aussenhandelspartner liegt Brasilien sowohl bei den Schweizer Importen als auch bei den Schweizer Exporten auf Platz 22 (Quelle: Eidgenössische Zollverwaltung EZV).
Nachdem die brasilianische Wirtschaft im Jahr 2004 mit rund 5.5% gewachsen war, schwächte sich das Wachstum 2005 auf 2.9% ab. 2006 lag das BIP-Wachstum bei 3.7%. Für die Jahre 2007 und 2008 prognostizierte der IWF ein wiederum beachtliches Wachstum der brasilianischen Wirtschaft mit Zuwachsraten von 4.4 bzw. 4%.
Schätzungen zufolge kommt das BIP 2006 auf der Entstehungsseite zu 8% aus der Landwirtschaft, zu 38% aus der Industrie und zu 54% aus dem Dienstleistungssektor. Der grösste Wachstumstreiber sind die Exporte, die im Jahr 2004 real um 17.9% auf 96.5 Mrd. US-Dollar anstiegen. Dabei fiel der Zuwachs bei Rohstoffen (Anteil am Gesamtexport ca. 30%) und bei industriellen Fertigprodukten (Anteil am Gesamtexport ca. 55%) etwa gleich hoch aus. Die aussenwirtschaftlichen Impulse übertragen sich zunehmend auf die Binnenkonjunktur. So wuchsen die privaten Investitionen und der private Konsum im Jahr 2004 um 10.9% bzw. 4.3%.
Stand: Februar 2008
| Kurze Übersicht über Bevölkerung und Politik | |
|---|---|
| Landesname: | Föderative Republik Brasilien (República Federativa do Brasil) |
| Einwohnerzahl: | 190 Millionen (geschätzt, 2007) |
| Fläche: | 8'511'965 qkm, davon 55'455 qkm Wasserfläche; zum Vergleich: Brasilien ist etwas kleiner als die Vereinigten Staaten |
| Altersstruktur: | 0–14 Jahre 25.3%, 15–64 Jahre 68.4%, 65 Jahre und älter 6.3%; Durchschnittsalter 28.6 Jahre (alle Zahlen geschätzt, 2007) |
| Alphabetisierungsrate: | Männer 86.1%, Frauen 86.6% (Anteil der Bevölkerung über 15 Jahre, der lesen und schreiben kann; alle Zahlen geschätzt, 2003) |
| Amtssprache: | Portugiesisch, weitere Sprachen Spanisch, Englisch, Französisch |
| Staatsoberhaupt | Luiz Inácio Lula da Silva |
| Amtsantritt: | 1. Januar 2003 |
| Amtszeit: | 4 Jahre, Wiederwahl da Silvas erfolgte im Oktober 2006 |
| Nächste Direktwahl Staatspräsident: | 3. Oktober 2010 |
| Parlament: | Aus zwei Kammern bestehender Nationalkongress; Senat 81 Mitglieder,Abgeordnetenkammer 513 Sitze; im Oktober 2006 haben Wahlen zu 1/3 der Senatssitze sowie Parlamentswahlen stattgefunden |
| Kurze Übersicht über Wirtschaft und Ressourcen | |
|---|---|
| Währung: | Real (BRL), derzeitiger Wechselkurs EUR/BRL: 2.62 (Stand 23.01.2008) |
| Bruttoinlandsprodukt (BIP; offizielle Wechselkurse): | 943.6 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2006) |
| BIP pro Kopf: | 5'022 US-Dollar (geschätzt, 2006) |
| BIP-Wachstum: | 4.4% (geschätzt, 2007) |
| BIP nach Sektoren: | Landwirtschaft 8%, Industrie 38%, Dienstleistungen 54% (geschätzt, 2006) |
| Erwerbstätige nach Sektoren: | Landwirtschaft 20%, Industrie 14%, Dienstleistungen 66% (geschätzt, 2005) |
| Landwirtschaftliche Nutzfläche: | etwa 7.05% der Landesfläche |
| Arbeitslosenrate: | 9.6% (geschätzt, 2006) |
| Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze: | 31% (geschätzt, 2005) |
| Inflationsrate: | 3% (geschätzt, 2006) |
| Bodenschätze und andere natürliche Ressourcen: | Bauxit, Diamanten, Erdgas, Eisenerz, Gold, Mangan, Nickel, Petroleum, Phosphate,Platin, Sillber, Uran und Zinn. Brasilien ist der grösste Eisenerzexporteur der Welt; Wasserkraftpotenzial durch zahlreiche Stromschnellen und Wasserfälle in Amazonas und seinen Nebenflüssen, Parana und Rio São Francisco |
| Landwirtschaftliche Produkte: | Kaffee, Mais, Reis, Sojabohnen, Weizen, Citrusgewächse, Zuckerrohr; Nutzholz; Rinderzucht |
| Industriegüter: | Textilien, Schuhe, Chemieerzeugnisse, Zement, Eisen und Stahl, Fahrzeug- und Maschinenbau |
| Exporte: | 137.5 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2006) |
| Importe: | 91.4 Mrd. US-Dollar (geschätzt, 2006) |
| Wichtige Exportländer: | USA 19.8%, China 7.5%, Argentinien 7.3%, Deutschland 5.2%, Niederlande 4.3% (2005) |
| Wichtige Importländer: | USA 19.6%, Deutschland 8.6%, Argentinien 8.5%, China 6.2%, Nigeria 5.6% (2005) |
| Ausländische Direkt- investitionen: | 21.6 Mrd. US-Dollar (2005), 20.3 Mrd. US-Dollar (2004) |
Quellen: CIA World Factbook, Stand: April 2007; International Monetary Fund, World Global Economics Outlook, April 2006; Auswärtiges Amt, Februar 2007